Daneben
besitzen die Kohlenstoff-Nanoröhren aber auch
außergewöhnliche mechanische Eigenschaften:
Da die Kohlenstoff-Kohlenstoff-Bindung eine der
stärksten in der Natur ist, sind die Nanoröhren
entlang ihrer Achse etwa fünf Mal härter
als Stahl. Andererseits sind sie auch flexibel und
überstehen extreme Verbiegungen und Torsionen
unbeschadet. Komposit-Materialien, die mit Kohlenstoff-Nanoröhren
verstärkt sind, könnten in der Zukunft
andere Materialien ersetzen und auf diese Weise
dort für große Gewichtseinsparung sorgen,
wo hohe Festigkeit erforderlich ist, wie im Fahrzeugbau
und in der Luft- und Raumfahrt.
Diese
einzigartigen elektronischen und mechanischen Eigenschaften
hängen jedoch sehr davon ab, ob die Nanoröhren
nach einem perfekten atomaren Bauplan aufgebaut
sind. Genauso wie der Ton einer Violinensaite von
der Stärke des Saitenmaterials abhängt
und durch Beschädigungen gestört wird,
zeigen die Schwingungen eines Kohlenstoffröhrchens
an, ob seine mechanischen Eigenschaften durch Defekte
(z.B. fehlende oder zusätzliche Atome oder
Bindungen) beeinträchtigt sind und die Nanoröhre
daher "weicher" geworden ist. Um unser
Wissen über den Einfluss der Defekte auf die
mechanischen Eigenschaften zu erweitern, ist es
folglich extrem wichtig, die Schwingungsmoden direkt
an den Defekten bestimmen zu können.
Den
Wissenschaftlern am Max-Planck-Institut für
Festkörperforschung in Stuttgart ist es nun
gelungen, die Schwingungen dieser "Nano-Saiten"
auf atomarer Skala zu bestimmen. Dabei zeigte sich,
dass Fehler im Bauplan der Nanoröhren ihre
Schwingungsbewegung stark beeinflussen. In der Analogie
der Violinsaite ausgedrückt, fanden die Forscher
heraus, dass Nanoröhren von unterschiedlichem
Durchmesser auch verschiedene Tonhöhen haben
und dass Defekte, wie fehlende Atome, die Tonhöhe
stark verändern. Im Extremfall, wenn zwei Defekte
sehr dicht beieinander liegen, bleibt die "Nano-Saite"
in diesem Abschnitt sogar still. Um die atomare
Welt der Schwingungen sichtbar zu machen, benutzten
die Wissenschaftler ein Rastertunnelmikroskop, das
bei einer Temperatur von 6 K (-267°C) arbeitet.
Die Schwingungsmoden der Kohlenstoff-Nanoröhren
können mit der dem Instrument typischen sub-Nanometer-Auflösung
bestimmt werden, da die tunnelnden Elektronen Energie
an das vibrierende Kohlenstoffgitter verlieren und
so die Stärke des Tunnelstroms variiert wird.
Die
neuen Messergebnisse sind wichtige Meilensteine
auf dem Weg zum Verständnis von Strom- und
Wärmetransport in Kohlenstoff-Nanoröhren,
Eigenschaften, die ihre Verwendbarkeit in elektronischen
Bauelementen bestimmen. Die Schwingungen von Atomen
verringern die elektrische Leitfähigkeit und
begrenzen die Leistungsfähigkeit von Nanotransistoren
oder anderen Bauelementen. Parallel dazu nimmt die
Festigkeit und die Fähigkeit, Wärme zu
transportieren, mit steigender Defektdichte ab.
Originalveröffentlichung:
L.
Vitali, M. Burghard, M.A. Schneider, Lei Liu, S.Y.
Wu, C.S. Jayanthi and K. Kern
Phonon Spectromicroscopy of Carbon Nanostructures
with Atomic Resolution
Physical Review Letters, 93, 136103, 24. September
2004
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